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Geschichten aus dem LebenZwischen zwei Kulturen

"Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße"

 

Irina Drachuk hat sich selbständig gemacht und ein eigenes Touristikbüro „Priwoz“ eröffnet.

Ivan Drachuk ist dem Beruf nach Ingenieur, aber der Berufung nach – ein Kunsthandwerker mit goldenen Händen.

Irina und Ivan, erzählen Sie uns bitte, womit beschäftigen Sie sich in Deutschland?

Irina: Meine erste Tätigkeit, die ich schon seit langem ausübe, ist der Betrieb eines Reisebüros. Am Anfang hatte ich ein kleines Büro. Da ich 95% meiner Arbeit telefonisch erledige, habe ich beschlossen, von zu Hause zu arbeiten. Im Moment beschränkt sich das Spektrum der Dienstleistungen, die ich anbiete, auf den Verkauf von Zug- und Busfahrkarten und Flugtickets. Meine Dienstleistungen werden fast nur von unseren Landsleuten, die in ihre Heimat (d.h. in die GUS-Staaten) reisen, in Anspruch genommen. Dementsprechend sind meine Kunden russischsprachig. Ich setze ein Inserat in deutsche Zeitungen, man ruft mich an und bucht Fahrkarten.
Die Tätigkeit, die mein Mann ausübt, besteht in der Anfertigung von Dekoration und Schmuck aus Metall. Er ist kein professioneller Goldschmied, hat aber goldene Hände.

Ivan, wo und wie fertigen Sie Ihre Erzeugnisse an?

Ich habe eine Garage, wo ich die gesamte laute, staubige und schmutzige Arbeit verrichte. Um ein Teil aus Metall zu gießen, braucht man eine sehr teure Ausrüstung – in Deutschland kostet sie ab 25000 bis 50000 Euro. Deswegen habe ich im Laufe von zwei Jahren alles selbst eingerichtet. Ich gieße in kleinen Mengen. Dieser Prozess schließt mehrere Etappen ein. Zuerst wird der Werkstoff vorbereitet und das Modell (am Computer im 3D-Format oder manuell aus Wachs) angefertigt. Danach wird nach diesem Modell das erste Gussstück hergestellt. Davon wird eine Gummikopie angefertigt. Nach dieser Gummikopie kann man kleine Wachsfiguren „klonen“, die anschließend in den Herd geschoben und dann mit einem speziellen Gips übergossen werden usw. usw. In den regulären Gießereien wird solche Arbeit aufgeteilt. Ich muss das alles selbst machen. Die Arbeit ist eigentlich sehr interessant.

Ist die Nachfrage nach Ihren Erzeugnissen groß?

Ehrlich gesagt haben wir nicht so viele Kunden. Wir haben einige Inserate in die einheimischen russischsprachigen Zeitungen gesetzt. Rostock ist eine kleine Stadt und dementsprechend leben hier nicht so viele russischsprachige Leute. Unsere Kunden sind hauptsächlich unsere Bekannten oder Freunde.

Wo haben Sie die Goldschmiedekunst erlernt? Was haben Sie in Ihrer Heimat beruflich gemacht?

Ivan: In Kasachstan, da wo wir herkommen, habe ich in einem anderen Beruf gearbeitet. Ich bin Ingenieur. Genauso wie meine Frau. Unser ganzes Leben lang haben wir im Ministerium für Post und Fernmeldewesen gearbeitet. Als ich noch ganz jung war, habe ich in einem Werk gearbeitet, wo ich die für den Schlosserberuf erforderlichen Fertigkeiten erworben habe. Die Goldschmiedekunst war ein „geheimer“ Beruf, der von einer Generation an die andere weitergegeben wurde. Diesen Beruf konnte dir früher nur ein Goldschmied persönlich beibringen. Heute kann man viele Informationen zu diesem Beruf im Internet finden. Es gibt auch recht viele Bücher.
Irina: Es reicht aber noch lange nicht, nur ein Buch darüber zu lesen. Das Wichtigste ist gewisse professionelle Fertigkeiten zu haben.

Irina, so wie Ihr Mann arbeiten auch Sie jetzt in einem neuen Beruf, oder?

Ja. Mein Abschluss wurde hier nicht anerkannt und ich habe beschlossen, mich selbstständig zu machen. Eine Bekannte hat mir bei der Anmeldung geholfen und alle erforderlichen Unterlagen gesammelt. Im Nachhinein denke ich, dass ich die Anmeldung auch allein hätte hinbekommen können. Andererseits war ich damals in größerem Maße unwissend als jetzt. Darüber hinaus habe ich einen Kurs für Existenzgründer absolviert, der in Rostock ab und an angeboten wird. Für die Eröffnung meines Reiseservices musste ich mich mit einem speziellen Buchungssystem „Amadeus“ vertraut machen, über das Fluggesellschaften einen großen Teil von ihren Flugtickets verkaufen.

Warum hatten Sie beschlossen, nach Deutschland zu ziehen?

Irina: Ich muss ehrlich sagen: wir wollten einfach schauen, wie das Leben hier so ist. Es hat sich eine solche Möglichkeit ergeben und wir haben sie genutzt.

Und gefällt es Ihnen in Deutschland?

Irina: Ja, mir gefällt es hier ganz gut. Ich weiß alles, was Deutsche erreicht haben, zu schätzen. Es gibt hier nichts, was mich deprimieren, belasten oder ärgern würde, abgesehen von meinen unzureichenden Sprachkenntnissen. Ich sehe auch keine großen Unterschiede zwischen unseren Kulturen. Nur aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse fühlen wir uns leider nicht als ebenbürtige Bürger.

Vermissen Sie Kasachstan?

Ja…unsere Freunde und unser jüngster Sohn sind dort.

Sind Ihre Freunde überwiegend russischsprachig oder deutsch?

Ivan: Freunde haben wir mehr russischsprachige als deutsche.

Wie gut können Sie Deutsch?

Ivan: Nach der Einreise nach Deutschland konnte ich aus gesundheitlichen Gründen keine Sprachkurse besuchen. Außerdem ist das Gedächtnis in meinem Alter nicht gut genug um Fremdsprachen zu lernen.
Irina: Ich lerne schon seit acht Jahren Deutsch. Nichtsdestotrotz stoße ich immer noch auf eine Sprachbarriere: In erster Linie habe ich ein Problem mit dem Hörverstehen. Man würde sagen: Wo sonst als in Deutschland kann man Deutsch am schnellsten lernen? Aber weit gefehlt. In meinem Fall hängen meine unzureichenden Deutschkenntnisse damit zusammen, dass meine Kunden russischsprachig sind. Manchmal muss ich Unterlagen auf Deutsch lesen. Das ist aber wenig. Man braucht mehr Sprachpraxis.

Welchen Rat würden Sie Ihren Landsleuten geben, die sich in Deutschland verwirklichen wollen?

Man soll nicht zu viel darüber grübeln, wie es weitergeht und ob es klappt oder nicht – so wird man kaum etwas erreichen. Man soll einfach handeln. Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.

Ein Projekt des Deutsch-Russischen Austausch e.V. im Rahmen des Bundeprogramms "XENOS - Integration und Vielfalt". Deutsch-Russischer Austausch e.V.